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VORSTADTVARIETÉ

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von Werner Hochbaum

Note: 8.5

Die Bedeutung eines Werkes wie Vorstadtvarieté von Werner Hochbaum, das von einer wichtigen Ära der österreichischen Filmgeschichte zeugt, muss gewürdigt werden.

Gegen alle Konventionen

Der erste von vier in Österreich gedrehten Filmen des deutschen Regisseurs Werner Hochbaum, Vorstadtvarieté (Suburban Cabaret, 1935) gilt heute als ein wahres Erbe der österreichischen Filmographie. Und das nicht nur wegen des zweifellos künstlerischen Wertes des Films, sondern auch wegen der inneren Bedeutung, der interessanten Interpretationen und der historischen Relevanz des gesamten Werks. Es ist kein Zufall, dass der Spielfilm bei der Diagonale 2019 – Reihe Weiblichkeiten – zusammen mit dem berühmten Maskerade (Willi Forst,1934) präsentiert wurde. In beiden Werken finden wir die archetypische Figur des Wiener Mädchens, wie sie seinerzeit von Arthur Schnitzler geschaffen wurde: Ein Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen, das mit allen Mitteln versucht, seiner sozialen Lage zu entkommen.

In Vorstadtvarieté spielt diese wichtige Rolle die Sängerin Mizzi Ebeseder (Luise Ullrich), die sich in einen jungen Adeligen (Mathias Wiemann) verliebt, zum Missfallen seiner Familie. Diese Liebe (aber inwieweit kann man aus der Sicht des Mannes von Liebe sprechen?) wird in jeder Hinsicht behindert: Der junge Mann muss seinen Militärdienst ableisten und außerdem galt ein Varieté-Sänger in der bürgerlichen Gesellschaft noch nie als „ehrbar“.

Die arme Mizzi Ebeseder wird hier als Opfer der Konventionen und eines Staates dargestellt, der um die Jahrhundertwende noch sehr streng war. Und Werner Hochbaum inszenierte diese Kritik, als der Anschluss noch drei Jahre entfernt war. In Österreich herrschte also zweifelsohne mehr Meinungsfreiheit als im benachbarten Deutschland, wo Goebbels bereits zwei Jahre lang Minister für Volksaufklärung und Propaganda gewesen war.

Mizzi ist ein Opfer von chauvinistischen und unempfindlichen Menschen. Die Inszenierung ist so krass, dass sie selbst den skeptischsten Zuschauer aufrütteln wird. Doch neben solchem Zynismus konnte Hochbaum uns mehr als einen denkwürdigen Moment bescheren. Unvergesslich ist zum Beispiel die Szene, in der Mizzi und ihr Geliebter auf den Wegen eines Parks spazieren gehen, vor einem kleinen See stehen bleiben und sich, eng beieinander, im Wasser spiegeln.

Trotz der Tatsache, dass es in Österreich noch eine gewisse kreative Freiheit gab, hatte auch Vorstadtvarieté seine Schwierigkeiten. Beginnend mit dem Text, in dem ein tragischer Epilog als logischer Abschluss der Ereignisse angesehen wurde. Das aber gefiel – ähnlich wie der Hayes-Code in den USA – der Zensur nicht, die diesem Werk von Werner Hochbaum unbedingt ein erzwungenes Happy End geben wollte. Es war die Aufgabe des Regisseurs, dafür zu sorgen, dass dieser Epilog nicht komplett vom Rest der Inszenierung abgekoppelt wurde. Und das ist Werner Hochbaum zum Glück gelungen.

Die Mizzi von Vorstadtvarieté ist also eine sehr gute Figur, auch dank der zarten, nachtigallenartigen Stimme und dem Gesicht der jungen Luise Ullrich. Eine Figur, die im Gegensatz zur anderen Vertreterin von Schnitzlers Archetypus steht: Leopoldine Dur von Maskerade (Paula Wessely), der es schließlich gelingt, in den Adel aufzusteigen.

Unabhängig von den Produktionsproblemen kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass der Film Vorstadtvarieté ein wertvolles Zeugnis einer besonders wichtigen Ära der österreichischen Filmgeschichte darstellt. Und am Ende des Films werden wir uns an das von Mizzi gesungene Lied erinnern, zusammen mit dem Bild, in dem sie sich mit ihrem Geliebten an einem sonnigen Sommernachmittag auf der Oberfläche des Sees spiegelt.

Titel: Vorstadtvarieté – Die Amsel von Lichtental
Regie: Werner Hochbaum
Land/Jahr: Österreich / 1935
Laufzeit: 93’
Genre: Drama, Musikfilm
Cast: Mathias Wiemann, Luise Ullrich, Oskar Sima, lina Woiwoide, Olly Gebauer, Hans Moser
Buch: Werner Hochbaum, Ernst Neubach
Kamera: Eduard Hoesch
Produktion: Styria-Film

Info: Die Seite von Vorstadtvarieté auf Imdb