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NEVRLAND

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von Gregor Schmidinger

Note: 5.5

Die Entdeckung der eigenen Homosexualität und das fortschreitende Wissen um den eigenen Körper sind die großen Protagonisten des Films Nevrland, für den Gregor Schmidinger eine unkonventionelle und stark experimentelle Inszenierung gewählt hat.

Kleine Männer werden erwachsen

Das Coming-of-Age-Genre liegt den österreichischen Filmemachern besonders am Herzen. Dieser Trend kulminierte 1999 mit Barbara Alberts Nordrand und war auch in den folgenden Jahren sehr stark. Einer der Regisseure, die sich in letzter Zeit an dieses komplizierte Genre herangewagt haben, ist zum Beispiel der junge Gregor Schmidiger. Nach den Dokumentarfilmen Homophobia (2019) und The Boy next Door (2008) präsentierte der Regisseur auf der Diagonale 2019 seinen Debütfilm Nevrland.

Inspiriert von autobiografischen Ereignissen inszeniert Nevrland anhand der Geschichte von Jakob (Simon Frühwirth) das Thema Selbsterkenntnis, die Entdeckung der Homosexualität und nicht zuletzt das Erwachsenwerden. Der Junge, der als Kind von seiner Mutter verlassen wurde, lebt mit seinem Vater (Josef Hader) und seinem alten und kranken Großvater in einer kleinen Wohnung. Um seiner Familie zu helfen, beginnt der Junge in einem Schlachthof zu arbeiten, doch schon bald wird er von unerklärlichen Panikattacken heimgesucht. Niemand scheint die Ursache seines Unwohlseins zu verstehen, außer dem jungen Kristjan, den er in einem homosexuellen Chatroom kennengelernt hat.

Die Entdeckung der eigenen Homosexualität und das fortschreitende Wissen um den eigenen Körper sind die großen Protagonisten des Films Nevrland, für den Gregor Schmidinger eine unkonventionelle und stark experimentelle Inszenierung gewählt hat.

Der Spielfilm beginnt ganz klassisch. Bald jedoch gewinnt das Oneirische allmählich die Oberhand und verdrängt dann das Reale fast vollständig. Lichter, Schatten, meist nachts gedrehte Szenen, psychedelische Lichteffekte werden zum Erkennungszeichen des gesamten Spielfilms. Und an einem bestimmten Punkt wissen nicht einmal wir, was real ist und was Teil von Jakobs Fantasie ist.

Alles ist zweifellos sehr interessant. Das größte Problem des Films Nevrland ist jedoch, dass durch diese übermäßige Freiheit die einzelnen Szenen fast unverbunden voneinander wirken. Ab einem gewissen Punkt wird der Spielfilm schwächer und trotz visuell reizvoller Bilder und Szenen wirkt der Regieansatz fast grundlos. Auch auf Kosten interessanter Implikationen bezüglich der Vorstellungskraft des Protagonisten.

Schade. Tatsächlich erweist sich Gregor Schmidinger bei der Inszenierung und Darstellung des menschlichen Körpers mit all seinen Details als sehr begabt. Solche Versäumnisse können jedoch sehr leicht passieren. Vor allem, wenn man eine so scheinbar einfache, aber in Wirklichkeit viel komplexere Geschichte originell inszenieren will.

Titel: Nevrland
Regie: Gregor Schmidinger
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 90’
Genre: Drama, Coming-of-age
Cast: Simon Frühwirth, Paul Forman, Josef Hader, Wolfgang Hübsch, Markus Schleinzer, Anton Noori
Buch: Gregor Schmidinger
Kamera: Jo Molitoris
Produktion: Orbrock Filmproduktion

Info: Die Seite von Nevrland auf FilmTV.It