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ÄGYPTISCHE FINSTERNIS

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von Ludwig Wüst

Note: 8

Ägyptische Finsternis ist eine Art Odyssee ohne Wiederkehr. Eine innere Reise, die zur Abkehr von der Vergangenheit und von jeglichem materiellen Gut führt und die inmitten einer symbolischen Wüste ihren Endpunkt findet..

Auf dem Weg ins Unendliche

Ein Multitalent, das der Diagonale besonders am Herzen liegt: Ludwig Wüst. Bei der Diagonale 2019 ist ihm ein eigener Bereich in der Reihe In Referenz gewidmet. Bei dieser Gelegenheit traf der Autor das Publikum und präsentierte zwei seiner Werke: Ägyptische Finsternis (2002) und Das Haus meines Vaters (2012).

Der erste Spielfilm ist zugleich sein Debütfilm, in dem er einen reifen Stil (auch dank früherer Erfahrungen am Theater) und viele Themen, die auch in seinen späteren Werken vorkommen, erkennen lässt.

Zunächst einmal ist da eine große innere Einsamkeit. Ägyptische Finsternis basiert auf dem Text Der Fall Franza von Ingeborg Bachmann und erzählt die Geschichte einer jungen Frau (Michaela Conrad), die plötzlich beschließt, ihr bürgerliches Leben in Wien aufzugeben, und sich auf eine lange Reise nach Kairo begibt. Eine Art Odyssee ohne Wiederkehr, Ägyptische Finsternis. Eine innere Reise, die langsam zur Abkehr von der eigenen Vergangenheit und von allen materiellen Gütern führt und in der Mitte der Wüste endet.

Die Dialoge sind auf das Wesentliche reduziert. Die Protagonistin spricht so wenig wie möglich. Die einzige Konstante: Eine Off-Stimme, die die Originalworte von Ingeborg Bachmann spricht. Und sofort denkt man an Aufbruch, Ludwig Wüsts jüngste Werk, das bei der 68. Berlinale präsentiert wurde und das viele Gemeinsamkeiten mit diesem Spielfilm hat. Trotz der sechzehn Jahre, die zwischen dem einen und dem anderen Werk vergangen sind.

In Ägyptische Finsternis geht die Geschichte von einer inneren Einsamkeit aus. Das Gleiche gilt für das folgende Werk, in dem das Thema der Reise und die Suche nach sich selbst im Mittelpunkt stehen. Wurde Aufbruch jedoch mit digitaler Technik gedreht, so wurde Ägyptische Finsternis komplett auf Film gedreht. Die Bilder sind sehr fein und detailliert studiert, trotz des dokumentarischen Stils, den der Regisseur dem ganzen Werk geben wollte.

Besonders eindrucksvoll sind die Szenen, in denen sich Michaela Conrad staunend umsieht und langsam die neue Stadt entdeckt. Und in den Momenten der Entspannung der jungen Frau in einem Hotelzimmer erkennen wir eine große Aufmerksamkeit für die menschliche Figur.

Dann, plötzlich, das Unerwartete. Die Farben sind ins Negative gewendet und zeigen uns eine in Farbbänder unterteilte Wüste, die an ein Ölgemälde oder an eine Fotografie von Franco Fontana zu erinnern scheint. Und alles färbt sich langsam rot und erinnert an Marco Ferreris Meisterwerk Dillinger ist tot.

Ähnlich wie bei den visuellen Effekten wird also auch die Geschichte nach und nach immer abstrakter. Bis zum bedeutendsten Moment des ganzen Films, als die Protagonistin ihren Ehering in einem kleinen Stein im Sand versteckt. Ein vergangenes Leben, das für immer aufgegeben wird und dem Neuen, dem Unbekannten, dem Übersinnlichen, dem Erhabenen Platz macht.

Titel: Ägyptische Finsternis
Regie: Ludwig Wüst
Land/Jahr: Österreich / 2002
Laufzeit: 66’
Genre: Drama
Cast: Michaela Conrad, Hani Amr Abdullah, Mohammed Kosa, Ludwig Wüst
Buch: Ludwig Wüst
Kamera: Raffael Kinzig
Produktion: Film-pla.net

Info: Die Seite von Ägyptische Finsternis auf ludwigwuest.works