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CHAOS

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von Sara Fattahi

Note: 5.5

Sarah Fattahis Chaos offenbart eine ausgefeilte Regie, wenngleich durch einige Manierismen di Unerfahrenheit der Regisseurin deutlich wird.

Ein herzzerreißendes inneres Chaos

Die Tatsache, dass es in der Welt keinen Krieg gibt, der als gerecht oder legitim angesehen werden kann, wurde zu seiner Zeit von Erasmus von Rotterdam theoretisiert. Und noch viele andere Künstler und Intellektuelle sind auf dieses Thema zurückgekommen. Ein Beispiel? Die österreichische Schriftstellerin und Journalistin Ingeborg Bachmann, die dem Thema Krieg und Exil mehr als ein Gedicht gewidmet hat (neben ihrem Roman Malina, natürlich). Und genau auf diesen Werken basiert Chaos. Es handelt sich um den zweiten Film der in Syrien geborenen, aber in Österreich lebenden Regisseurin Sara Fattahi, die mit diesem Dokumentarfilm – uraufgeführt bei der Diagonale 2019 – ihre eigene Vision von Krieg, Exil und innere Wunden erzählt.

Dazu wurden drei Geschichten von drei Frauen aus Damaskus (darunter auch die Regisseurin selbst) inszeniert, die jeweils in ein anderes Land auswandern mussten und die ihre schwierige Vergangenheit täglich wieder erleben. Mit einem auf seine Weise innovativen Ansatz hat die Regisseurin die mutige Entscheidung getroffen, den Worten nur ein Minimum an Raum zu widmen (die Interviews mit den Protagonisten sind daher auf das Wesentliche reduziert) und es den Bildern zu überlassen, die Ereignisse zu erzählen. Hier sehen wir die Frauen, wie sie sich um das Haus kümmern, die Zimmer aufräumen, innehalten, um aus dem Fenster oder vor dem Foto einer vermissten Person zu schauen, oder – wie im Fall einer der Protagonistinnen – kleine Kunstwerke mit der Technik der Collage schaffen, in einem weiteren Versuch, die Vergangenheit zu metabolisieren.

In Chaos wurde eine vielstimmige Geschichte inszeniert, die in drei verschiedenen Städten spielt (außer Wien, wo die Regisseurin lebt, wissen wir von den anderen beiden nur, dass eine in Deutschland und die andere in Schweden liegt), die für die Augen der Protagonistinnen fast „unsichtbar“ erscheinen. Diese Städte werden hier fast als bloße „Behälter“ betrachtet, in die man nur für dringende Bedürfnisse flüchten muss, in denen man sich aber nie zu Hause fühlt. Das Ergebnis ist, dass es, mit Ausnahme von begrenzten Blicken durch die Fensterscheiben, keine Totale gibt, die uns auch nur die Vorstellung davon gibt, wie die Umgebung, in der die Frauen leben, aussieht. Das Gleiche gilt für die in Wien gedrehten Szenen (wo die Regisseurin von der Schauspielerin Jaschka Lämmert dargestellt wurde, die nur von hinten gefilmt wurde). Hier, selbst wenn die Protagonistin durch die U-Bahn-Tunnel wandert, wirkt die Umgebung bewusst unscharf, unpersönlich, als wäre ihre Rolle auf einen bloßen Füllmittel reduziert.

In Chaos hat Sara Fattahi einen ebenso interessanten wie potenziell „gefährlichen“ Regieansatz gewählt. Und sie hat mit dieser Inszenierung, die ihre mangelnde Erfahrung hinter der Kamera nur schlecht kaschiert, oft banale Manierismen geschaffen, wenn sie dem Ganzen einen kontemplativen Ton geben wollte, der nicht immer notwendig war. Die Nahaufnahmen von Händen, die damit beschäftigt sind, eine Collage zu erstellen, Kaffee zu kochen oder einfach nur Gegenstände zu halten, die verstorbenen Familienmitgliedern gehörten, sind sicherlich traumhaft schön und poetisch. Doch dieses Verweilen der Kamera wirkt oft grundlos und gezwungen.

Und so wirkt der ganze Dokumentarfilm trotz Sara Fattahis guter Ideen oft unreif. Chaos ist in der Tat ein Dokumentarfilm, der zu oft den Faden zu verlieren scheint. Das liegt an einem problematischen Drehbuch, das – zusammen mit dem erwähnten Regieansatz – dazu führt, dass das ganze Werk gelegentlich zu schwach wirkt und den Eindruck erweckt, die Regisseurin wolle nur mit sich selbst und den beiden Frauen ins Gespräch kommen. Und diese Intimität kollidiert natürlich mit ihren ursprünglichen Absichten. Schade.

Titel: Chaos
Regie: Sara Fattahi
Land/Jahr: Österreich, Syrien, Libanon, Katar / 2018
Laufzeit: 95’
Genre: Dokumentarfilm
Cast: Raja, Heba, Jaschka Laemmert
Buch: Sara Fattahi
Kamera: Sara Fattahi
Produktion: Little Magnet Films GmbH

Info: Die Seite von Chaos auf der Webseite der Diagonale