sissi-1955-marischka-kritik

SISSI

      Keine Kommentare zu SISSI

This post is also available in: Italiano (Italienisch) English (Englisch)

von Ernst Marischka

Note: 7


Sissi ist eine romantische Komödie, sauber gedreht, eindeutig mit Blick auf die internationale Verbreitung konzipiert, um der ganzen Welt ein lebendiges und lachendes Bild von Österreich und dem, was das österreichisch-ungarische Reich war, zu vermitteln.

Ein zeitloses Märchen

Es wird auf die schöne Liebesgeschichte zurückzuführen sein, auf die unvergleichliche Ausstrahlung von Romy Schneider und auch auf die angeborene Fähigkeit Ernst Marischkas, brillante Mädchenträume und Melodramen zu inszenieren, wenn Sissi (1955) – zusammen mit den beiden anderen Filmen der Trilogie, Sissi – die junge Kaiserin (1956) und Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin (1957) – zu den bekanntesten österreichischen Filmen außerhalb der Landesgrenzen zählt. Und bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass das Werk bis ins kleinste Detail geplant ist. Schon an sich hat die Gestalt dieser jungen Prinzessin, in die sich kein geringerer als Kaiser Franz Joseph Hals über Kopf verliebt, von jeher eine starke Anziehungskraft auf all diejenigen ausgeübt, die sich mit ihr beschäftigt haben. Wenn man also aus dieser interessanten Geschichte auf die richtige Art und Weise eine fiktionalisierte Version hervorbringt, mit den richtigen Interpreten und nicht zuletzt mit einem Regieansatz, der es versteht, alles akribisch zu inszenieren, dann ist hier das ganze Werk, wenn auch mit vielen Unvollkommenheiten im Inneren, überaus gelungen.

Als ob man mit offenen Augen träume, so wirkt die Geschichte dieser jungen und lebhaften bayerischen Prinzessin (genauer gesagt der frischen und sehr jungen Romy Schneider), in die sich der Kaiser Franz Joseph (Karlheinz Böhm) hoffnungslos verliebt, nachdem sie ihre Mutter (Magda Schneider, auch im wirklichen Leben die Mutter der Schauspielerin) und ihre Schwester Helena (Uta Franz) zu einem Besuch beim Kaiser, einem nahen Verwandten, in Bad Ischl begleitet hat. Und so nimmt sie schließlich den Platz der Schwester Helena, der Verlobten und eigentlichen zukünftigen Kaiserin von Österreich, ein.

Es ist die Geschichte einer Prinzessin, die aus heiterem Himmel eine große Liebesgeschichte erlebt, die sie zur mächtigsten Frau des Reiches macht.

Wenn man sich also nicht zu sehr mit den vielen historischen Unwahrheiten des Drehbuchs beschäftigen will, muss man sich vor Augen führen, dass die von Marischka inszenierte Prinzessin Sissi fast eine imaginäre Figur ist, die das Publikum fest im Griff hat (Romy Schneider ihrerseits wird es für den Rest ihres Lebens bedauern, an dieser Trilogie teilgenommen zu haben, denn viele werden in ihr stets nur „die Sissi“ sehen), in Wirklichkeit aber so gut wie nichts mit der historischen Figur gemein hat. So ist es nun einmal. Dies ist eine der vielen Freiheiten, die sich die siebte Kunst selbst nehmen kann. Ungeachtet aller Kontroversen, die in dieser Hinsicht entstehen könnten.

So gesehen ist Sissi in der Tat eine romantische Komödie, sauber gedreht, mit allen Elementen am richtigen Platz und hier und da verstreut überzeugenden Einfällen, allen voran die bizarre Figur des ungeschickten Gendarmenchefs Boeckl (ein sehr guter Josef Meinrad). Eine kleine Komödie, die trotz ihres absichtlich gedämpften Aussehens und märchenhaften Echos ganz anders ist als der schöne Film Oh… Rosalinda!! von Powell und Pressburger (der im selben Jahr entstand, aber – wenn auch von anderem Kaliber – absichtlich als urkomische und respektlose Operette präsentiert wird, mit einem nur in Filmstudios nachgebauten Wien). Eine Komödie, die eindeutig mit Blick auf die internationale Verbreitung konzipiert ist und auch darauf abzielt, der ganzen Welt ein lebendiges und lachendes Bild von Österreich und dem, was die österreichisch-ungarische Monarchie war, zu vermitteln. Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Momente, in denen wir den jungen Kaiser sehen, der einer Gruppe junger Rebellen, die zum Tode verurteilt worden waren, die Begnadigung gewähren will (in Wirklichkeit scheint es, dass Franz Joseph von Natur aus nicht so barmherzig war, aber – jede positive Entscheidung in dieser Richtung wurde ihm meistens von seiner Gattin vorgeschlagen), oder die Szene, in der wir die junge Prinzessin Sissi sehen, wie sie als zukünftige Braut auf einem Schiff auf der Donau Richtung Wien fährt. Genau in diesem Moment fragt ihr Vater (gespielt von Gustav Knuth) sie in einer sehr bedeutsamen Weise: „Ist dein neues Zuhause nicht wunderbar?”

Und doch gibt es, jenseits aller Kontroversen, viele, die diese Arbeit Marischkas lieben. Oder besser noch, es ist diese Arbeit Marischkas, die sich so leicht lieben lässt. Und zwar gerade wegen der Anmut, mit der alles realisiert wurde (mit vielen sonnigen Drehorten im Grünen- so perfekt, dass sie fast unwirklich wirken -, einer Musik, die allgegenwärtig, aber nie aufdringlich ist, und nicht zuletzt einer ganz entspannten Romy Schneider – hier bei ihrer dritten Zusammenarbeit mit Ernst Marischka) wegen der gelungenen Inszenierung einer Liebesgeschichte, die trotz der vielen historischen Unwahrheiten einen großen Realitätsbezug hat, und vor allem wegen der nie selbstverständlichen Fähigkeit, die richtigen Töne anzuschlagen, um eine große Zahl von Zuschauern zu berühren.

Wahrscheinlich (ja, sicherlich) handelt es sich um das wohl wichtigste Produkt der gesamten Karriere von Ernst Marischka sowie um den erfolgreichsten und am besten verpackten Film der gesamten Trilogie. Eine Trilogie, die (zum Glück?) eine solche geblieben ist, da Romy Schneider kategorisch die Teilnahme an einem vierten, bereits auf dem Programm stehenden Film verweigert hat, um nicht für immer mit Sissi identifiziert zu werden.

Titel: Sissi
Regie: Ernst Marischka
Land/Jahr: Österreich / 1955
Laufzeit: 102’
Genre: Liebesfilm, Filmbiografie, Historienfilm
Cast: Romy Schneider, Karlheinz Böhm, Magda Schneider, Uta Franz, Gustav Knuth, Vilma Degischer, Josef Meinrad
Buch: Ernst Marischka
Kamera: Bruno Mondi
Produktion: Erma-Film

Info: Die Seite von Sissi auf iMDb