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ERDE

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von Nikolaus Geyrhalter

Note: 8

Mit Erde knüpft Geyrhalter an einen bereits 2016 mit dem DokumentarfilmHomo Sapiens (ebenfalls auf der Berlinale vorgestellt) begonnenen Diskurs an, in dem er die Binomie Mensch/Umwelt inszeniert und die Konsequenzen, die sie mit sich bringen kann, genau analysiert.

Der zerstörerische Mensch

Zusammen mit Ulrich Seidl ist Nikolaus Geyrhalter zweifellos einer der wichtigsten zeitgenössischen österreichischen Dokumentarfilmer. Sein Kino, das sich durch lange Sequenzpläne und Schweigen besteht auszeichnet, mal unterwürfig, mal wertend (natürlich im positiven Sinne), hat uns echte Juwelen, aber auch wichtige Dokumente der Geschichte unserer Tage geliefert. Und hier ist es sein jüngstes Werk Erde, dass nach mehr als drei Jahren Arbeit, die endlich auf den Leinwänden der 69. Berliner Filmfestspiele – innerhalb der Reihe Forum – sowie auf der Diagonale 2019 in der den Dokumentarfilmen gewidmeten Reihe zu sehen ist. Erde ist ein schmerzhaftes Werk, in dem uns – wie der Titel andeutet – die Erde gezeigt wird und das, was von den riesigen, durch menschliche Eingriffe aufs Extremste reduzierten natürlichen Weiten übrig geblieben ist.

Der in sieben Abschnitte gegliederte Dokumentarfilm beginnt in Kalifornien, wo wir einige Arbeiter sehen, die in Sand- und Felsflächen graben und den Boden für den Bau neuer Häuser und Einkaufszentren vorbereiten. „Es wird das Beste sein, was die Leute erwarten können“, sagt einer der Arbeiter stolz vor der Kamera. Unser Filmteam bewegt sich dann an die Grenze zwischen Österreich und Italien (genau im Brenner-Tunnel), geht nach Ungarn, wieder nach Italien (in die Marmorbrüche Carraras), nach Spanien und Deutschland, und macht schließlich endgültig Halt in Kanada, wo es immer noch Menschen zu geben scheint, die die Bedeutung des Umweltschutzes erkennen.

Mit dieser aktuellen und wichtigen Arbeit knüpft Geyrhalter tatsächlich an einen bereits 2016 mit dem Dokumentarfilm Homo Sapiens (ebenfalls auf der Berlinale vorgestellt) begonnenen Diskurs an, in dem er das Binom Mensch/Umwelt inszeniert und die Konsequenzen, die es mit sich bringen kann, genau analysiert. In seinem Werk Erde verzichtet er jedoch (zumindest teilweise) auf die völlig stille und höchst kontemplative Inszenierung, die das Werk des Autors seit jeher kennzeichnet, indem er von Zeit zu Zeit Interviews mit den Charakteren der gefilmten Orte einfügt und das Ganze so diskursiver macht.

Aber wie sehen diese Figuren aus? Um darauf zu antworten, muss man eine Prämisse aufstellen: Ausgehend vom ersten Abschnitt, und je näher man dem Finale kommt, scheint es, dass man sich langsam stärker des Problems und seiner Dringlichkeit bewusst wird. In gleicher Weise ändern daher auch die Personen, die von Zeit zu Zeit befragt werden, ihre Haltung vor der Kamera. Oder besser gesagt, was sich ändert, ist die Art und Weise, wie Geyrhalter sie darstellen will. Wenn uns in der Tat, vor allem in den ersten Abschnitten (und insbesondere in dem Abschnitt, der Kalifornien gewidmet ist), die Arbeiter übermäßig statisch erscheinen, rigoros in der amerikanischen Einstellung gefilmt, fast ohne Gefühle oder Persönlichkeit (in diesem Fall ist es unmöglich, nicht an die Werke des Landsmannes Ulrich Seidl zu denken), so gewinnen sie im Laufe der verschiedenen Abschnitte allmählich sogar einen entfernten Anschein von Menschlichkeit.

Und doch erscheint uns Geyrhalter nicht wertend. Mit der intellektuellen Ehrlichkeit, die ihn stets ausgezeichnet hat, will der Regisseur uns mit der Dringlichkeit des Umweltschutzes und den Risiken konfrontieren, die wir alle eingehen, wenn wir dieses Thema vernachlässigen (besonders anschaulich in diesem Zusammenhang der Moment, in dem man uns die Löcher zeigt, die in Deutschland gegraben wurden, um radioaktive Stoffe abzulagern).

Erde ist ein Werk der Anklage. Gleichzeitig kann man jedoch nicht umhin, die starke autorenhafte Prägung des Wiener Filmemachers zu erkennen. Hier erreicht die Sorgfalt für das Bild seinen Höhepunkt, wenn wir – zu Beginn jeder Sektion – suggestive Bilder der von der Filmcrew besuchten Bereiche sehen, auf denen in der Postproduktion die Maschinen, die ihre Arbeit verrichten sollen, hinzugefügt wurden. Das Gleiche gilt, wenn vor unseren Augen Szenen von Maschinen zu sehen sind, die den Boden ufreißen sollen?, der anscheinend so fest ist, tatsächlich jedoch leicht zu Staub zerfallen kann. Und wenn hier einerseits die starke kontemplative Komponente (bestehend aus unterwürfigem Schweigen und Bildern, die dem Zuschauer jedes Mal emotionale Schocks zuzufügen vermögen) durch die Interaktion der Figuren vor der Kamera teilweise gedämpft wird, bleibt die kommunikative Wirksamkeit immer und in jedem Fall stark. Stark und klar. Und es tut wirklich, wirklich weh.

Titel: Erde
Regie: Nikolaus Geyrhalter
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 115’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Nikolaus Geyrhalter
Kamera: Nikolaus Geyrhalter
Produktion: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Info: Die Seite von Erde auf der Webseite der Austrian Film Commission; Die Seite von Erde auf der Webseite von Nikolaus Geyrhalter