der-boden-unter-den-fuessen-2019-kreutzer-kritik

DER BODEN UNTER DEN FÜßEN

      Keine Kommentare zu DER BODEN UNTER DEN FÜßEN

This post is also available in: Italiano (Italienisch)

von Marie Kreutzer

Note: 6

Der Boden unter den Füßen ist eine komplizierte Familiengeschichte, die nicht immer kalibriert ist und nur oberflächlich eine Beziehung untersucht, die viel geschichteter und komplexer ist, als es zunächst den Anschein haben mag.

Schwestern

Wenn eine Regisseurin wie die junge Marie Kreutzer bereits auf der Berlinale zu Hause ist (erst 2011 präsentierte sie ihren ersten Spielfilm Die Vaterlosen, in der Reihe Panorama), würde man viel von ihrer Arbeit erwarten, vor allem wenn sie für den offiziellen Wettbewerb ausgewählt wurde. Und doch erwies sich ihr Film Der Boden unter den Füßen, der bei den 69. Berliner Filmfestspielen (und später als Eröffnungsfilm bei der Diagonale 2019) uraufgeführt wurde, trotz der interessanten Ideen als ein eher enttäuschendes Produkt. Einerseits ist das Thema, für dessen Inszenierung sich die Grazer Regisseurin entschieden hat, gar nicht so vorhersehbar (vor allem mit Blick auf die paranormalen Einsprengsel, die im ganzen Werk zu finden sind), andererseits iführen die verschiedenen Handlungsstränge dazu, dass das Gesamtwerk recht kompliziert wirkt.

Mit dem Wunsch, das aktuelle – und oft umgangene – Thema Arbeitsstress zu inszenieren, erzählt e uns Marie Kreutzer die Geschichte von Lola (Valerie Pachner), einer 30-jährigen Karrierefrau, die ihr Leben zwischen Wien – ihrer Heimatstadt – und dem Ausland verbringt, ohne Rücksicht auf ihr Privatleben zu nehmen. Zumindest so lange, bis sie einen Anruf aus einer Wiener Klinik erhält, in dem ihr mitgeteilt wird, dass ihre Schwester Conny (Pia Hierzegger), die seit jeher psychisch krank ist, gerade einen Selbstmordversuch unternommen hat.

Es sind die Schwierigkeit, menschliche Beziehungen zu managen, und vor allem die Angst, der Aufgabe, geliebte Menschen zu schützen, nicht gewachsen zu sein, die die Protagonistein langsam in einen Nervenzusammenbruch führen werden. Aber das ist natürlich nicht alles.

Zwischen einem mysteriösen Telefonanruf von einer unbekannten Nummer zu einem anderen, zwischen einer falschen emotionalen Beziehung und einer Beziehung, die zu lange vernachlässigt wurde, zieht sich Der Boden unter den Füßen unermüdlich – und in einer gefährlich redundanten und sich wiederholenden Weise – bis zum Finale hin, wo eine ebenso logische wie passende Lösung durch unoriginelle Geschehnisse ersetzt wird. Marie Kreutzer selbst scheint uns von den ersten Minuten an überhaupt nicht mit dem einverstanden zu sein, was sie inszenieren will, indem sie nun den einen und nun den anderen Weg einschlägt, ohne auch nur einen von ihnen ganz zu verfolgen.

Wenn in der Tat das Element der mysteriösen Telefonanrufe – mit allen Verwicklungen eines Psychothrillers – durch gelungene Szenen an Attraktivität zu gewinnen scheint, dann wird diese Linie plötzlich unerklärlicherweise aufgegeben und alles wird auf eine einfache Familiengeschichte reduziert, die schwankend und schlecht kalibriert ist und nur oberflächlich eine Beziehung untersucht, die viel geschichteter und komplexer ist, als sie zunächst erscheinen mag.

Das Endergebnis ist ein flacher und in Teilen unglaubhafter Spielfilm, in dem selbst zwei gute Darstellerinnen wie Valerie Pachner und Pia Hierzegger (besonders schade, da die Rolle potentiell sehr interessant ist) wegen einer zu stereotypen und gefährlich ungeschickten Schreibweise nicht so gewürdigt werden, wie sie es verdienen. Lola und Conny in Der Boden unter den Füßen scheitern trotz der Bemühungen der Regisseurin, das Publikum zu erreichen. Und wenn man angesichts einer so gequälten und komplizierten Familienbeziehung sofort fragt, wie solche Situationen vom Landsmann Michael Haneke dargestellt werden, spürt man umso mehr das Fehlen eines robusten und substanziellen Drehbuchs.

Dies wird noch gravierender, wenn, wie in diesem Fall, das fragliche Werk ausgewählt wurde, um um den begehrten Goldenen Bären zu konkurrieren. Aber das ist natürlich ein anderes Thema.

Titel: Der Boden unter den Fuessen
Regie: Marie Kreutzer
Land/Jahr: Österreich / 2019
Laufzeit: 108’
Genre: Drama
Cast: Valerie Pachner, Pia Hierzegger, Mavie Hoerbiger, Michelle Barthel, Marc Benjamin, Markus Schleinzer
Buch: Marie Kreutzer
Kamera: Leena Koppe
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion, Picture Tree International

Info: Die Seite von Der Boden unter den Füßen auf der Webseite der Austrian Film Commission