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HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT

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von Thomas Heise

Note: 7.5

In einem Werk wie Heimat ist ein Raum aus Zeit, mit Tönen, die so scheinbar ruhig sind, dass sie einen Kontrapunkt zu den behandelten Themen bilden, können wir (in der Tat) einen großen Schmerz, eine starke Nostalgie und vor allem eine große, sehr große Liebe zu den Wurzeln eines jeden von uns, zur Familie und nicht zuletzt zur Heimat erkennen.

Zeit. Raum. Unsere Geschichte.

In dem Moment, in dem wir – im kinematografischen Bereich – das Wort “Heimat” lesen, denken wir unweigerlich an das große Meisterwerk von Edgar Reitz. Ein Werk wie Heimat ist ein Raum aus Zeit (Heimat is a Space in Time) des deutschen Dokumentarfilmers Thomas Heise, das erstmals auf der 69. Berlinale in der experimentellen Reihe Forum präsentiert wurde, hat daher von Anfang an eine große Verantwortung. Und darüber hinaus hat das Wort Heimat an sich bereits eine vielschichtige Bedeutung. Wollte also schon der berühmte Edgar Reitz in seinem wichtigen Projekt die Geschichte Deutschlands inszenieren, so wartete Thomas Heise bis 2019, um die Geschichte einer Nation (und in diesem Fall gar mehrerer Nationen) durch den Fund und die Sammlung von Briefen, Postkarten, Fotos und sogar Schulthemen zu erzählen.

Es handelt sich – genauer gesagt – um die Geschichte Deutschlands (und zum Teil jener Österreichs) des 20. Jahrhunderts, welche sich mit der Familiengeschichte Heises über vier Generationen hinweg verbindet, angefangen in den 1920er Jahren, zwischen Österreich und Deutschland, bis zur Gegenwart. Um das Ganze zusammenzuhalten, die Off-Stimme des Regisseurs selbst, der in einem Moment den Standpunkt eines Familienmitglieds einnimmt und im nächsten den eines anderen, der sich in einem Moment darauf „beschränkt“, das vorzulesen, was im Laufe der Jahrzehnte geschrieben wurde, und im nächsten seinen Gedanken freien Lauf lässt.

Ein ebenso ehrgeiziges wie interessantes Projekt, welches Heise hier realisiert hat. Ein Werk, das bis zu seiner Vollendung – zwischen Recherche und Filmaufnahmen aus dem Leben – mehrere Jahre warten musste. Es ist in der Tat – und ohne zu übertreiben – das wichtigste Werk des deutschen Dokumentarfilmers. Es ist sowohl aus semantischer Sicht als auch mit Blick auf die Filmlänge wichtig (zweihundertachtzehn Minuten machen im Vergleich zu früheren Werken mit einer Dauer von einer knappen Stunde bis zu den klassischen anderthalb Stunden wirklich den Unterschied aus).

In rigorosem Schwarz-Weiß gehalten (nein, es gibt keinen Bezug zu Reitz‘ Heimat), präsentiert sich Heimat ist ein Raum aus Zeit von Anfang an als intimer und kontemplativer Bewusstseinsstrom. Wie ein persönliches Tagebuch, in dem man die Geschichte eines Jahrhunderts lesen kann. Und hier wechseln sich von Anfang an Bilder vergilbter Papierbögen und alte Fotografien mit Filmen ab, die Heise selbst gedreht hat: Die Straßen von Wien, Dresden und Berlin – zusammen mit Landschaften, die aus fahrenden Zügen eingefangen wurden – fließen vor unseren Augen und geben uns eine perfekte Vorstellung vom Lauf der Zeit selbst und davon, wie sehr der Raum davon beeinflusst wird.

Fast möchte das elegante Schwarz-Weiß dieses Zeitelement anhalten: Bilder aus dem Alltag, von Menschen, die auf ihre jeweilige Beschäftigung konzentriert sind, ein junges Paar, das sich in einer Wiener U-Bahn-Station begrüßt, eine Straßenbahn, die von der Alser Straße zum Elterlei-Platz fährt und sich dann mit den ineinander fließenden Stimmen zahlreicher Fahrgäste im Hintergrund in die Vorstädte entfernt. Alles, was sich vor unseren Augen darbietet, scheint fast vergessen zu haben, was in der Vergangenheit geschehen ist.

Es scheint in der Tat so zu sein, dass es nie einen Krieg gegeben hat, dass niemand jemals in Vernichtungslager deportiert wurde, es scheint – besonders in den Momenten, die in Deutschland angesiedelt sind – dass diese Nation nie in zwei geteilt wurde. Doch gerade dank (oder wegen) der Geschehnisse der Vergangenheit (in die mehrere Mitglieder der Familie von Thomas Heise persönlich involviert waren) erscheinen uns die Umgebungen, die Städte, die Menschen so, wie sie sind.

In einem Werk mit so scheinbar ruhigen Tönen, mit einer so beruhigenden Tendenz, die wie ein Kontrapunkt zu den behandelten Themen wirkt, können wir in der Tat einen großen Schmerz, eine starke Nostalgie und vor allem eine große, große Liebe zu den Wurzeln eines jeden von uns, zur Familie und nicht zuletzt zum Land erkennen.

Wahrscheinlich war es gerade diese starke persönliche Verstrickung, die den Autor dazu veranlasste, sich zeitweise zu sehr mit einigen Aspekten der Familiengeschichte zu beschäftigen (insbesondere wird der Lektüre der Liebesbriefe, die seine Großeltern damals austauschten, sehr viel Raum gewidmet).

Es gibt in der Tat eine ganze Reihe überflüssiger Momente, in denen Heise für einen Moment (absichtlich?) seine Zuhörer zu vergessen scheint und am Ende Gefallen daran findet, sich selbst sprechen zu hören. Etwas, das bei einem Werk von solchem Umfang (und solcher Dauer) vorhersehbar ist. Und doch, bei einer so einzigartigen und sehr persönlichen Inszenierung und der außerordentlichen Fähigkeit, eine Geschichte zu spinnen, in der einer einzigen Stimme die Aufgabe übertragen wird, vielen anderen Stimmen Leben einzuhauchen, hätten ein paar wenige Schnitte hier und da genügt, um ein Werk wie Heimat ist ein Raum aus Zeit so perfekt wie möglich zu machen.

Titel: Heimat ist ein Raum aus Zeit
Regie: Thomas Heise
Land/Jahr: Deutschland, Österreich / 2019
Durata: 218’
Genre: Dokumentarfilm
Buch: Thomas Heise
Kamera: Stefan Neuberger
Produktion:Ma.ja.de Filmproduktion, Navigator Film

Info: Die Seitevon Heimat ist ein Raum aus Zeit auf der Webseite der Berlinale