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DIE KINDER DER TOTEN

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von Kelly Copper und Pavol Liska

Note: 7

Die Kinder der Toten ist von Anfang an schockierend, erstaunlich und verblüffend, komplett im Super8-Format gedreht, was auf den ersten Blick wie ein Amateurfilm aussehen mag, aber in Wirklichkeit keiner ist, und mit Figuren, die einer anderen Welt, einer anderen Epoche anzugehören scheinen.

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Wenn die berühmte österreichische Dramatikerin – und führende Vertreterin des Wiener Sozialtheaters – Elfriede Jelinek 1995 mit dem Roman Die Kinder der Toten in der Urfassung einen der Eckpfeiler der österreichischen Gegenwartsliteratur schuf, dauerte es nicht weniger als dreiundzwanzig Jahre, bis eine Verfilmung des Werkes zustande kam. Am 50. Jahrestages des Avantgarde-Festivals Steirischer Herbst überließ die Autorin unentgeltlich die Rechte an dem Werk dem amerikanischen Kollektiv Nature Theatre of Okhlahoma. Auf diese Initiative hin entstand Die Kinder der Toten, das Erstlingswerk der Regisseure Kelly Copper und Pavol Liska, das von Ulrich Seidl (immer mutig, neue Projekte auch fernab des Gewöhnlichen zu fördern) produziert und bei der 69. Berlinale in der Reihe Forum uraufgeführt und mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde. Dieser Spielfilm wurde unter anderem auch für die Diagonale 2019 ausgewählt.

Die Szene wird mit einem Total eröffnet. Das metakinematographische Element macht die eigene Präsenz sofort spürbar, und wichtig. Wir steigen von einem Berg in ein Tal hinab, und befinden uns im Gasthaus Alpenrose, dem Schauplatz (oder besser gesagt, einem der Schauplätze) unserer Geschichte. Eine Gruppe von Touristen will zu Mittag essen. Die Kellnerin scheint allem und jedem gegenüber ungeduldig zu sein. Von einem Streit zum nächsten, von einer amüsanten Szene zur nächsten, und nach dem Essen fährt die ganze Gruppe mit dem Auto des völlig betrunkenen Gastwirts zu einer Führung durch die Steiermark. Sofort, absichtlich angekündigt, der Zusammenstoß mit dem Reisebus einer niederländischen Touristengruppe. Von hier aus kommen wir also endlich zum Kern der Sache.

Dieser Film von Kelly Copper und Pavol Liska ist – und genau so will er sich von den ersten Bildern an präsentieren – ein Spielfilm, der von Anfang an schockierend, verblüffend und erstaunlich ist. Ein Werk, das vollständig im Super8-Format gedreht wurde, mit einer Haltung, die auf den ersten Blick amateurhaft erscheinen mag, dies aber nicht ist, und mit (den dargestellten) Figuren, die einer anderen Welt, einer anderen Epoche anzugehören scheinen. Aber ist es wirklich so? Oder wird der Betrachter durch etwas eingeschüchtert, das in der Welt, in der wir heute leben, immer noch lebendig und pulsierend ist?

Elfriede Jelinek war ihrerseits mehr als deutlich. Als würdige Verfechterin des sozialen Theaters hat die Autorin den größten Teils ihrer Karriere über immer wieder eine Art von latenten Faschismus angeprangert, von dem die heutige Gesellschaft voll ist. Das Gleiche gilt für die vorliegende Arbeit, in der der historische Diskurs erfolgreich mit einer gewissen Horrorkomponente verschmolzen wurde, an der nicht weniger als eine Gruppe von Zombies beteiligt ist. Und diese Mischung, obwohl (nicht allzu) ungewöhnlich, hat von Anfang an alle überzeugt. Es liegt auf der Hand, dass solche Ideen, wenn es um eine filmische Umsetzung geht, das Visionärste und Ungewöhnlichste zum Leben erwecken können. Und dies haben die beiden jungen Regisseure (teilweise) erreicht.

Obwohl sie sich – kinematographisch gesprochen – mit dem nicht völlig neuen Thema des ungewöhnlichen Zombie-Nazi- Duos befassen (man denke nur beispielsweise an den kürzlich erschienenen Film Overlord), hatten Kelly Copper und Pavol Liska keine Angst, zu experimentieren, sich an Kamera und Postproduktion zu wagen und ein Produkt zu schaffen, das offensichtlich auf halbem Wege zwischen dem frühen Kino (es handelt sich um einen Stummfilm), mit Untertiteln und Hintergrundgeräuschen, die erst in der Postproduktion hinzugefügt werden) und dem Amateurfilm liegt.

Wenn wir jedoch den vorliegenden Spielfilm mit Jelineks Originalwerk vergleichen wollen, kommen wir nicht umhin festzustellen, dass in letzterem die historisch-anthropologische Komponente sehr viel stärker nahezu zentral ist. In der Filmversion Die Kinder der Toten hingegen wird alles mit größerer Distanz beobachtet, mit Tönen, die durch die bereits erwähnte metakinematographische Komponente bewusst gedämpft werden, die hier zwangsläufig eine erhebliche Kluft zwischen den Regisseuren selbst und dem Inszenierten schafft.

Und wenn man das Ganze als ein reines Experiment – oder besser noch als eine Art Spiel – der kinematographischen Sprache betrachtet, ist die Sache auch recht erfolgreich. Das Hauptproblem taucht jedoch unmittelbar nach der Hälfte des Werks auf, wenn das Ganze anfängt, sich im Kreis zu drehen und viele Szenen überflüssig scheinen, und dann plötzlich in dem Moment gipfelt, in dem die Dorfbewohner einen Karnevalsumzug veranstalten, an dem die wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte Österreichs in Zombie-Version teilnehmen.

Wer in Österreich, wenn nicht Ulrich Seidl, köonnte den Mut haben, eine so hochgradig experimentelle und so ungewöhnliche Arbeit zu produzieren?

Titel: Die Kinder der Toten
Regie: Kelly Copper, Pavol Liska
Land/Jahr:Österreich / 2019
Laufzeit: 90’
Genre: Exprimentalfilm, Horrorfilm, Filmkomödie, Surrealistischer Film, Groteskfilm
Cast: Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder
Buch: Kelly Copper, Pavol Liska
Kamera: Kelly Copper, Pavol Liska
Produktion: Ulrich Seidl Film Produktion GmbH

Info: Die Seite von Die Kinder der Toten auf der Webseite der Austrian Film Commission