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INTRODUZIONE ALL’OSCURO

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von Gastón Solnicki

Note: 8

Introduzione all’Oscuro – intim, schmerzhaft, tief in sich gekehrt – ist nach Aussage des Autors selbst das „spektralste“, was er je gemacht hat. Ein Film aus Licht, Schatten, und Bildern, in einem Moment gut definiert, im nächsten irreparabel verschwommen.

Bilder von dem, was gewesen ist

Am 23. Juli 2017 verstarb der Journalist, Kritiker und Filmhistoriker Hans Hurch plötzlich unerwartet in Rom. Seit 1997 Direktor der Viennale, war Hurch in der Welt bekannt für seine Aufopferung für den Films und für einen Lebensstil, der – wie die meisten Leute sagen würden – mehr als extravagant war. Sein Leben war blieb jedoch für viele ein Rätsel. Ausgenommen sind natürlich diejenigen, die ihn gut kennengelernt haben und sein Freund waren.

Dies ist der Fall des jungen argentinischen Filmemachers Gastón Solnicki, eine wahre Entdeckung der letzten Jahre, der auch die Gelegenheit hatte, bei der Viennale zu Gast zu sein (wo er 2016 mit seinem Film Kékszakállú Publikum und Kritiker für sich gewinnen konnte) und sein Werk weltweit bekannt zu machen. Anlässlich des Todes seines Freundes drehte der Regisseur also auf österreichischem Terrain den intensiven und sehr persönlichen Dokumentarfilm Introduzione all’Oscuro, der außerhalb des Wettbewerbs bei den 75. Filmfestspielen von Venedig sowie in der den Dokumentarfilmen gewidmeten Reihe der Diagonale 2019 gezeigt wurde.

Was wir unmittelbar nach dem Vorspann sehen, ist ein Mann, der allein durch die Straßen Wiens geht. Ein Mann, der scheinbar verloren, in Wirklichkeit aber nostalgisch und begierig darauf ist, etwas – oder besser gesagt, jemanden – wieder zum Leben zu erwecken, den es nicht mehr gibt. Dann plötzlich Orte, Umgebungen, Objekte, die auf die eine oder andere Weise eine wichtige Rolle im Leben von Hans Hurch gespielt haben. Eine Kaffeetasse aus dem historischen Café Engländer (direkt gegenüber der Wohnung, in der der Journalist wohnte); eine Postkarte – handgeschrieben, typisch für Hurch – von der Amalfiküste; ein Klavier der historischen Firma Bösendorfer; ein eleganter Anzug aus besonders edler Seide, der aber durch den ständigen Gebrauch ziemlich abgenutzt ist. Dies sind einige der Objekte, die in Solnickis Werk das Leben von Hurch rekonstruieren und es uns ermöglichen, ihn kennenzulernen.

Und der Regisseur, was macht er in diesem Fall? Mit einigen wenigen – aber notwendigen – Interviews mit denjenigen, die Hans Hurch kennengelernt haben, entscheidet sich der junge Filmemacher für eine „unauffällige“ Kamera, die nahe, aber nicht zu nah an dem, was erzählt wird, ist und gleichzeitig auf Details achtet und eine Welt respektiert, die ihr – bis zu diesem Moment – unbekannt war. Die Erzählung ist von intensiven Nahaufnahmen der genannten Objekte durchsetzt. Mehr als Fotografien, echte Puzzleteile, die uns, alles zusammen betrachtet, eine Vorstellung davon vermitteln können, wer Hans Hurch war.

Intim, schmerzhaft, tief in sich gekehrt, ist Introduzione all’Oscuro nach eigener Aussage des Autors das „geisterhafteste“, was er je realisiert hat. Ein Dokumentarfilm, der mit einer essentiellen und schnörkellosen Regie und einem auf ein Minimum reduzierten musikalischen Kommentar gekonnt mit dem Entzug spielt und dabei seine Absicht voll und ganz erfüllt. Die Inszenierung eines Menschen, der nicht mehr da ist, dem es aber durch Orte, Gegenstände, Manuskripte und Fotografien gelungen ist, auch nach seinem Tod ein lebendiges Bild von sich zu hinterlassen. Ein Film aus Lichtern, Schatten und Bildern, in einem Moment gut definiert, im nächsten irreparabel verschwommen. Aber dennoch voller Bedeutung.

Wenn sich also Solnickis frühreifes Talent in den letzten Jahren bereits der ganzen Welt offenbart hat, so hat sich sein Film Introduzione all’Oscuro als weitere Bestätigung dafür erwiesen, dass der junge argentinische Filmemacher zu jenen gehört, die man in der gesamten Weltfilmszene im Auge behalten sollte. Ein Autor, der uns in Welten katapultieren kann, die uns bis vor kurzem noch unbekannt waren, die uns aber bereits wenige Minuten nach dem Vorspann ganz vertraut scheinen.

Titel: Introduzione all’Oscuro
Regie: Gastón Solnicki
Land/Jahr: Argentina, Austria / 2018
Laufzeit: 71’
Genre: documentario
Buch: Gastón Solnicki
Produktion: Filmy Wiktora, KGP Kranzelbinder Gabriele Production, Little Magnet Films, Rei Cine

Info: Die Seite von Introduzione all’Oscuro auf der Webseite vom Filmfestspielen von Venedig