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L’ANIMALE

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von Katharina Mückstein

Note: 7.5

In L’Animale konnte Katarina Mückstein trotz ihrer geringen Erfahrung hinter der Kamera die Welt der Jugendlichen mit lobenswertem Geschick porträtieren und zeigte, dass sie schwierige Themen mit einer Leichtigkeit zu behandeln vermag, die an die französische Schule erinnert.

Die besten Jahre unseres Leben




Ma l’animale che mi porto dentro
non mi fa vivere felice mai
si prende tutto anche il caffè
mi rende schiavo delle mie passioni
e non si arrende mai e non sa attendere
e l’animale che mi porto dentro vuole te.”
aus L’Animale von Franco Battiato

Nur wenige Menschen wissen, dass das Genre des Coming-of-Age den zeitgenössischen österreichischen Filmemachern besonders am Herzen liegt. Tatsächlich haben sich viele auf die eine oder andere Weise – im Verlauf ihrer Karriere – dieses Genre zu eigen gemacht. Viele werden sich zum Beispiel an die junge Protagonistin aus dem Film Lovely Rita erinnern, der 2001 von Jessica Hausner inszeniert wurde, sowie an die Teenager in Bennys Video (1992) oder in Funny Games (1997) und in Funny Games U. S. (2007) unter der Regie von Michael Haneke. Betrachtet man jedoch ausschließlich das, was im letzten Jahr produziert wurde, so haben wir in diesem Genre zwei besonders interessante Titel: Siebzehn, der Debütfilm der jungen Filmemacherin Monja Art (Premiere bei der Diagonale 2017) und L’Animale, der zweite Spielfilm von Katharina Mückstein, präsentiert in der Reihe Panorama Special der 68° Berlinale, wo er nach Publikumswunsch den dritten Platz belegte.

In Anlehnung an das berühmte Lied von Franco Battiato (daher der Titel) erzählt L’Animale Geschichten von Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität, ihrem Platz in der Welt sind . Die müde von der Rolle sind, die sie viele Jahre lang verkörpert haben, und die anfangen, sich zu fragen, wer sie wirklich sind und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen.

Wir befinden uns in diesem Fall in der tiefen Peripherie Österreichs. Das zentrale und kosmopolitische Wien scheint Lichtjahre entfernt, doch die junge Mati freut sich darauf, dorthin zu ziehen, sobald sie das Gymnasium beendet hat. Ihr Traum ist es, Tierärztin zu werden, wie ihre Mutter, der sie oft als Assistentin zur Seite steht, wenn sie nicht in der Schule oder bei Freunden ist, einer Gruppe von Tyrannen, die sich dem Motocross- und Disco-Nächten verschrieben hat. Mati wirkt sehr maskulin. Sie scheint sich in eleganter Kleidung nicht wohl zu fühlen (besonders emblematisch ist in dieser Hinsicht die Anfangsszene, in der wir das Mädchen sehen, das sich nach dem Anprobieren des Kleides für die Abschlussfeier unter den Augen seiner selbstgefälligen Mutter mit einem nicht überzeugenden Gesichtsausdruck im Spiegel betrachtet).In ihrer Freizeit scheint sie die Gesellschaft von Jungen zu bevorzugen. Doch die Dinge scheinen sich zu ändern, als sie Carla kennengelernt, ein Mädchen in ihrem Alter, das in einem Supermarkt arbeitet und mit dem sie an einem Abend in einem Club aneinander geraten ist.

Erst an diesem Punkt fängt Mati an, sich zu fragen, wer sie wirklich ist und was sie vom Leben will und beginnt einen schwierigen, introspektiven Weg parallel zu ihrem Vater, der nach Jahren einer scheinbar glücklichen Ehe seine Homosexualität entdecken wird.

Ein ebenso heikles wie geschichtetes Werk also. Trotz der geringen Erfahrung hinter der Kamera gelang es der jungen Mückstein , die Welt der Jugendlichen mit lobenswertem Geschick darzustellen und sie hat dabei bewiesen, dass sie schwierige Themen mit einer Leichtigkeit zu behandeln versteht, die sehr an die französische Schule erinnert, die ihrerseits von der Nouvelle Vague mit Franҫois Truffaut und Éric Rohmer bis hin zu Autoren wie Catherine Breillat, Arnaud Desplechin und Céline Sciamma (um nur einige Beispiele zu nennen) über die Jugend erzählen konnte, wie es noch nie jemand zuvor getan hatte.

Der einzige Ausrutscher, den die Regisseurin während der Inszenierungsphase gemacht hat, ist wahrscheinlich der Moment, in dem wir aus dem Off Battiatos oben erwähntes Lied hören und gleichzeitig die Protagonisten sehen, die dessen Strophen singen, während sie in die Kamera schauen: ein ziemlich gewagter Durchbruch durch die vierte Wand, der jedoch eher fehl am Platz ist und definitiv nicht mit dem im Einklang steht, was erzählt wird. Aber so ist es. Da es sich nur um einen einzigen Moment innerhalb eines insgesamt mehr als zufriedenstellenden Szenarios handelt, kann diese „Sünde“ vernachlässigt werden.

Und dann ist da noch sie, die großartige Sophie Stockinger, die intensive und magnetische Protagonistin des Films. Wie Katharina Mückstein selbst sagte, wurde die Figur der Mati mit Blick auf sie geschrieben, hatte die Regisseurin und Drehbuchautorin doch bereits 2013 bei der Produktion ihres ersten Spielfilms Talea mit ihr zusammengearbeitet. Es ist also gut, dass derartige Alchimien zwischen Schauspielern und Regisseuren geschaffen werden. Man fragt sich, wie sich diese aufregende Reise, bei der uns zwei junge Frauen von der Welt der jungen Menschen erzählen, entwickeln wird. Jetzt stehen wir natürlich erst am Anfang. Jetzt stehen wir natürlich erst am Anfang.

Titel: L’Animale
Regie: Katharina Mückstein
Land/Jahr: Österreich / 2018
Laufzeit: 97’
Genre: Drama, Jugendfilm, Coming-of-Age
Cast: Sophie Stockinger, Kathrin Resetarits, Dominik Warta, Julia Franz Richter, Jack Hofer
Buch: Katharina Mückstein
Kamera: Michael Schindegger
Produktion: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion, La Banda Film

Info: Die Seite von L’Animale auf der Webseite der Austrian Film Commission