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DOLMETSCHER

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von Martin Sulik

Note: 7

In Dolmetscher ist gerade das Element der Sprache einer der Schlüsselfaktoren, der nicht nur die Beziehung zwischen zwei Männern inszeniert, sondern im weitesten Sinne zwischen zwei ganzen Nationen, wobei einer der beiden eine starke Verschuldung gegenüber der anderen hat.

Geschichte. Erinnerung.

Ali ist achtzig Jahre alt und ein geschätzter slowakischer Dolmetscher im Ruhestand. Der Mann kann seine Vergangenheit nicht vergessen, in der seine Familie von den Nationalsozialisten ausgelöscht wurde. Georg ist ein 70-jähriger ehemaliger Lehrer, der sich dem guten Leben, den Frauen und dem Alkohol verschrieben hat, der als Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers keine Beziehung zu der Figur seines Vaters hat und jedem Gedanken an ihm aus dem Weg geht. In dem Moment, in dem sich die beiden – Ali und Georg – treffen, wird für beide ein langer und nicht immer einfacher Weg des Wachstums beginnen, sowie eine solide Freundschaft, trotz aller anfänglichen Unterschiede.

Ausgehend von einem Konflikt, bei dem sich ein nach Gerechtigkeit strebender Ali mit dem ahnungslosen Georg in Wien trifft, hat der slowakische Filmemacher Martin Šulik einen Roadmovie geschaffen, der – inhaltlich zunächst nicht allzu originell, aber mit interessanten Anregungen – einige grundlegende Passagen der Geschichte detailliert analysiert, ohne den Anspruch zu erheben, uns etwas besonders Neues zu erzählen, vielleicht einer schönen Freundschaft und dem Wunsch nach Sühne in Ländern wie Österreich und Deutschland. Wir sprechen über den Film Dolmetscher, der zuerst bei der 68. Berlinale in der Reihe Berlinale Special und dann iim offiziellen Programm der Diagonale 2019 präsentiert wurde und das Ergebnis einer Koproduktion zwischen der Slowakei, der Tschechischen Republik und nicht zuletzt Österreich ist.

Das, was uns an einem Film wie Dolmetscher am meisten beeindruckt, ist, wie bereits erwähnt, das ungewöhnliche, aber starke Band der Freundschaft, das zwischen den beiden Protagonisten entsteht: In einer zarten und glücklicherweise rhetorisch nicht sehr ausgeprägten Weise wird ein allmählicher Wandel inszeniert, der uns, ausgehend von einem anfänglichen Misstrauen von Seiten des alten Ali, allmählich zur Entstehung einer wahren Freundschaft führt, die jede Sprache und jede Grenze zu überwinden vermag. Und gerade das Element der Sprache – wie im Übrigen der Titel schon andeutet – ist einer der Schlüsselfaktoren, der nicht nur die Beziehung zwischen zwei Männern inszeniert, sondern im weitesten Sinne zwischen zwei ganzen Nationen, wobei einer der beiden eine starke Verschuldung gegenüber der anderen hat.

In dieser Hinsicht erweist sich der Charakter von Ali – trotz der starken Wut und des Wunsches nach Gerechtigkeit, die ihn zunächst handeln lassen – als „offener“ gegenüber denjenigen, die aus einer anderen Nation kommen und an ein Leben zwischen zwei oder mehr Kulturen gewöhnt sind. Georg seinerseits, zurückgehalten durch die Sprache, da er nur Deutsch spricht, ist immer in seinem Heimatland geblieben und hat (absichtlich?) eine Konfrontation mit der Geschichte und der Vergangenheit seiner eigenen Familie vermieden. Seine Figur wird daher diese wichtige grundlegende Veränderung erfahren, die die Geschichte in Gang setzt. Eine Veränderung, die angekündigt wurde, aber auch notwendig war, damit ein Spielfilm wie dieser von Šulik funktionieren kann.

An diesem Punkt drängt sich uns eine Frage auf: Wenn wir an all die zahlreichen, auf das Thema fokussierten Titel denken, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs produziert wurden, was kann uns ein Produkt wie Der Dolmetscher Neues erzählen? Wie kann es sich „von der Masse abheben“? Höchstwahrscheinlich werden sich nur wenige Menschen an alle Nuancen erinnern können, die diesen Spielfilm charakterisieren.

Wenn es um ein Thema wie den Holocaust und vor allem um das Gedenken daran geht, neigen respektierte Kanons fast immer dazu, sich zu wiederholen. Insbesondere was die Formel des Roadmovies betrifft. Und doch gelingt es dem Film Dolmetscher, seiner eigenen thematischen und erzählerischen Linie zu folgen, ohne sich von dem, was in der Vergangenheit realisiert wurde, übermäßig beeinflussen zu lassen, sondern sich im Gegenteil durch ein sauberes Drehbuch und eine saubere Regie auszuzeichnen, die frei von unnötiger Virtuosität sind, die jedoch wichtige Umwälzungen und emotionale Erschütterungen vorsehen, die nicht uninteressant sind, vor allem, wenn wir uns dem Ende nähern.

Letzte Überlegung: Der Schlusswagen – der einen aufgeregten Georg auf einem kleinen Friedhof in der Vorstadt zeigt – ist sehr gelungen, aber auch besonders bedeutsam, wenn man die Geschichte der beiden Protagonisten als eine nun selbst abgeschlossene Episode einordnen möchte und sich folglich von etwas entfernen will, das – noch nach vielen, vielen Jahren – weiterhin so schmerzt, als wäre es erst gestern geschehen.

Titel: Dolmetscher
Regie: Martin Sulik
Land/Jahr: Slowakei, Tschechische Republik, Österreich / 2018
Laufzeit: 113’
Genre: Drama, Komödie
Cast: Peter Simonischek, Jiri Menzel, Zuzana Mauréry, Anita Szvrcsek
Buch: Martin Sulik
Kamera: Martin Strba
Produktion: Titanic, In Film Praha, Coop99 Filmproduktion

Info: Die Seite von Dolmetscher auf der Webseite der Berlinale